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Digitale BildungWarum Uruguays Schüler so gut durch die Pandemie kommen

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Für jedes Kind ein Laptop vom Staat, Videounterricht und animierte Schulbücher, die Spaß machen: Ein kleines südamerikanisches Land zeigt, wie digitale Schulbildung geht.Von Nicola Abé, São Paulo27.02.2021, 20.08 Uhr

https://www.spiegel.de/politik/ausland/digitale-bildung-warum-uruguays-schueler-so-gut-durch-die-corona-pandemie-kommen-a-59466cde-21f9-4949-99f8-68e0ea4d70b1

Die Grundschülerin Amelia, 7, lernt mit ihrem vom Staat gestellten Tabletcomputer in einem Park in Montevideo
Die Grundschülerin Amelia, 7, lernt mit ihrem vom Staat gestellten Tabletcomputer in einem Park in Montevideo Foto: Tali Kimelman / DER SPIEGEL

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Zwei Wochen nach Amelias erstem Schultag im vergangenen März durfte sie schon nicht mehr hin– wegen der Corona-Pandemie wurde die Schule geschlossen. Doch für die Erstklässlerin aus Uruguay war das nicht so schlimm: Das Alphabet lernte sie über Audiotutorials. Der digitale Matheunterricht machte ihr so viel Spaß, dass sie Extraaufgaben löste. Dreimal pro Woche gab es Videokonferenzen, in denen sie ihre Lehrer und Klassenkameraden besser kennenlernte. Und angeleitet von ihrer Sportlehrerin absolvierte Amelia, sieben Jahre alt, Gymnastikübungen in ihrem Zimmer.ANZEIGE

Amelia ist keine wohlhabende Privatschülerin, sie besucht eine öffentliche Schule in Uruguays Hauptstadt Montevideo. Ihren Tabletcomputer hat sie vom Staat bekommen – so wie alle anderen Schüler in dem kleinen Land zwischen Argentinien und Brasilien.

Uruguay setzt seit Jahren auf digitalen Schulunterricht und auf gleichen Zugang für alle. Das Bildungssystem des Landes war damit auf die Coronakrise besser vorbereitet als das der meisten Länder in der Region – und als viele im reicheren Westen. Während sich Lehrer in Deutschland teilweise über Wochen nicht bei ihren Schülern meldeten, standen sie in Uruguay ständig in Kontakt. Statt verschwommenen Scans und fehlerhaften Internetlinks mit unauffindbaren Inhalten gab es in Uruguay digitale Schulbücher mit wissenschaftlichen Experimenten, Hausaufgaben in Quiz- oder Spielform, interaktive Videoschalten, personalisierte Übungen und Chats für Rückfragen.

Leandro, 10, arbeitet an seinem Tabletcomputer zu Hause in Montevideo
Leandro, 10, arbeitet an seinem Tabletcomputer zu Hause in Montevideo Foto: Tali Kimelman / DER SPIEGEL

Schon vor mehr als zehn Jahren hat das Land – als eines von sechs weltweit – die Ein-Laptop-pro-Kind-Politik (One Laptop per Child) umgesetzt. Zudem hat Uruguay auch in ländlichen Gebieten freies Internet an öffentlichen Plätzen installiert und mit Plan Ceibal einestaatliche Agentur für digitale Erziehung gegründet. »Wir hatten insgesamt ein gut funktionierendes letztes Schuljahr«, sagt Fiorella Haim, Managerin bei Plan Ceibal.

Uruguay ist damit die große, kleine Ausnahme in einer Region mit desaströsen Prognosen. Unicef geht davon aus, dass 2020 für Millionen Schülerinnen und Schüler in Lateinamerika ein verlorenes Schuljahr war. Rund ein Drittel der Kinder hätte kaum irgendetwas gelernt, mehr als drei Millionen werden der Schule wohl für immer fernbleiben. Und für 2021 erwarten die Experten ein weiteres Jahr mit Lockdowns und Schulschließungen.

»Jedes Kind sollte einen Laptop und Internet haben«

»Kinder, besonders die aus armen Verhältnissen, sind die größten Verlierer dieser Krise. Ihr Traum einer besseren Zukunft ist bereits zerstört«, sagt die brasilianische Bildungsexpertin und ehemalige Direktorin der Weltbank für Erziehung, Claudia Costin. Zudem habe die Bildungskrise die ohnehin extreme Ungleichheit auf dem Kontinent nochmals verschärft.

Privatschulen und ihre Klientel federten die Schulschließungen wesentlich besser ab. Sogar das Phänomen der »illegalen Schule« habe sie beobachtet: Reiche Eltern der oberen Mittelschicht heuern Privatlehrer für ihre Kinder an – während arme Kinder an öffentlichen Schulen nicht einmal Zugang zu Computern oder Internet zu Hause hätten.